Knifflige Ansteuerung zum Anholt Havn
Anholt Havn liegt an der Nordwestecke der Insel bei 56 °42,8′ N / 11 °33,0′ E. Die Ansteuerung aus Westen ist einfach: Man hält sich südlich der Mole „Nordre Rev“ und zielt auf den lichtstarken weißen Sektor des Leitfeuers (Fl W 4 s, 13 M). Deutlich kniffliger ist der beliebte Ostanlauf über “revet”, die sechs Seemeilen lange, nur einen halben Meter tiefe Sandbank. Zwei rot-grüne Kardinalpaare – „Østrevet“ und „Sydrevet“ – markieren den künstlich gebaggerten Schlauch; genaue Karten und Plotterkontrolle sind Pflicht, denn selbst leichte Setzungen verschieben die Rinne von Jahr zu Jahr. Bei stärkerem Nord- oder Ostwind steht quer zur Rinne kabbelige Dünung, die Ansteuerung unter Segeln fast unmöglich macht. Sobald das Echolot wieder konstant über vier Meter zeigt, folgt man dem betonnten Stichkanal direkt in den Hafen. Nachts helfen das grüne Pierlicht Fl G 3 s und der rote Molenkopf Fl R 4 s; die Dalbenreihen innen sind jedoch unbeleuchtet. Wer erstmals kommt, plant daher besser Tageslicht.
Hafen mit begrenztem Raum und Schutz
Innerhalb des Bassins bieten vier L-Stege und zahlreiche Fingerplätze Platz für rund 300 Boote; offizieller Tiefgang bis 2,5 m – bei Starkwind aus Süd / Südwest kann der Pegel um 0,3 m fallen. In der Hochsaison wird gedrängt: Man liegt zwangsläufig im Päckchen, oft vier Schiffe außen am Dalben, manchmal sogar quer dazwischen („room for one more“ ist Hafenslogan). Der Schwellschutz ist überraschend gut; nur bei Nordwest 6 + schwappt leichter Seegang in den äußeren Schlauch. Ankern vor dem Strand ist verboten, weil Bade- und Fährgebiet – wer abseits schlafen will, nimmt die kleine Bucht „Nordre Rønner“ drei Meilen nordöstlich, aber dort rollt es fast immer.
Komfortable Hafenausstattung für Segler
Hafengebühren werden rund um die Uhr am Automaten im Sailor House bezahlt (Karte, MobilePay). Für eine 11-12-Meter-Yacht zahlt man 225 – 260 DKK; Wasser, Strom und Duschen sind eingeschlossen, Strom aber mit Verbrauchszähler. Diesel und Benzin gibt es an der schwimmenden Zapfsäule neben dem Fährdock; Gasflaschen tauscht der kleine Lebensmittelladen im Dorf. Wi-Fi reicht bis in die meisten Cockpits. Der Kaufmann („Ø-Anholt“) ist 800 m entfernt, gleich neben Kirche und Leuchtturmweg. Brot bestellt man am Vorabend beim Hafenbäcker; ab 07 Uhr duften Kanelsnurrer über den Steg. Mülltrennung erfolgt in Farbcontainern an jedem Steg, Altöl und Batterien nimmt die Recyclingstation neben der Sliprampe. Eine Self-Service-Waschmaschine erleichtert längere Aufenthalte, und drei Grillplätze mit Picknickbänken sorgen dafür, dass der Weg zum Cockpit-Kocher nur selten nötig wird.
Anholts Dünen, Seehunde und Hafenleben
Anholt ist geologisch ein wandernder Sandrücken: Im Westen 30 m hohe Klitformationen, im Osten Dänemarks einzige „Wüste“ – Ørkenen, eine 3 000 ha große, vegetationsarme Dünenplatte, in der sich Sandregenpfeifer und Stranddisteln den Lebensraum teilen. Ein 12-km-Rundweg führt vom Hafen über das Vogelschutzgebiet „Totten“ (große Seehundkolonie, Besuch nur vom Strand) zum altehrwürdigen Leuchtturm aus 1788 und zurück durch Wacholder-Heide. Unter Wasser ist das Kattegat nährstoffreich und eher milchig; Sicht 2 – 5 m. Dafür wimmelt es von Taschenkrebsen, Schollen und in Juli-, Augustnächten von Leuchtplankton – ein Sprung vom Heck lohnt allein deshalb. Im Dorf leben ganzjährig rund 130 Menschen; abends sitzen Einheimische und Crews gemeinsam in der Strandbar „Albatross“, während im Hintergrund die Versorgungsschiff-Fähre „Endelave“ frische Vorräte bringt. Im Hochsommer spielen oft Live-Bands auf der Mole – ausgelassene Hafenatmosphäre, die trotzdem nie zum Ballermann abgleitet.
Anholt: Magischer Anziehungspunkt für Segler
Anholt ist kein Geheimtipp mehr, aber seine Magie bleibt: die Kombination aus sicherem Hafen, rauem Kattegat-Feeling und wüstenähnlicher Insellandschaft mitten in der Ostsee. Perfekt für Crews, die nach langen Schlägen zwischen Schweden, Jütland und Seeland einen Tag Strand, Dünen und Hot-Dog-Bude brauchen. Wer die Enge des Päckchenliegens nicht scheut, erhält dafür Natur pur und dänische Gelassenheit. Mein persönlicher Gänsehautmoment: In der Abenddämmerung vom Molekopf auf die weiße Wüste schauen, während die letzten Masten im Hafen knarren und ein Seehund in der Hafeneinfahrt auftaucht – als wolle er nach dem Rechten sehen, bevor auch er zur Nachtruhe abtaucht. Anholt ist eben doch mehr als ein Zwischenstopp: Es ist ein kleiner, windumtoster Kosmos, der Segler:innen jeden Sommer aufs Neue anzieht.
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